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Alle Daten in der Tasche

Rheinland - Achim Schlehecker und Michael Weiler

Das Transportgut für die Biogasanlage wiegen, ohne vom Schlepper abzusteigen. Einen Fehler bei der Biogasanlage beheben – bequem von unterwegs. Gerade Landwirte sind ständig unterwegs und draußen. Da spricht einiges dafür, die Geschäfte per Smartphone zu regeln. Da hat man seinen Computer immer in der Tasche.
 
„Das Smartphone hat mir bereits einige nächtliche Besuche der Biogasanlage erspart“, kann Lohnunternehmer Achim Schlehecker aus Lohmar berichten. Allzu oft habe er sonst nachts per Telefon einen Hinweis bekommen, dass eine Störung in der Anlage vorliege. Als er schließlich vor Ort war, konnte er die Fehlermeldung mit einem Klick beheben. Beispiel: Nur ein Staubkorn geriet in den Sensor und eine Fehlermeldung wurde angezeigt, obwohl der Motor seiner 800-kW-Biogasanlage noch ganz normal weiter lief. „Dafür muss ich jetzt nicht mehr aufstehen. Das regele ich vom Bett aus“, freut sich der zweifache Vater. Alle Daten zur Biogasanlage, die auf seinem Büro-Computer gezeigt werden, kann er auch auf dem Smartphone einsehen und darauf zugreifen. Denn mit dem Smartphone kann man den Betriebscomputer „fernsteuern“, also aus der Ferne auf den PC zugreifen. Das funktioniert mit dem System Vercial Network Computing (VNC), das man sich anhand von verschiedenen Apps – je nach Funktionsumfang von kostenlos bis hochpreisig – auf das Smartphone herunterladen kann. Das VNC-Protokoll funktioniert betriebssystemübergreifend auf fast allen Systemen, also sowohl für iPhones als auch für Android-basierte Smartphones. So kann Schlehecker die verschiedenen Hinweise und Meldungen kombinieren und dann bequem von unterwegs aus entscheiden, ob es nötig ist, dass jemand zur Anlage fährt oder ob das Problem mit einem Klick gelöst ist.
 
Auch Bernhard Schulte-Eickhoff aus Lohmar ist bei dem Ortstermin dabei. Der 29-Jährige hat Achim Schlehecker und weitere Landwirte im Rheinland bereits in Sachen Smartphone und Computer beraten und die Neuerungen technisch umgesetzt. Er ist nicht nur Fachmann bei der Optimierung von Arbeitsabläufe auf dem Hof durch Smartphones oder Computerprogramme, sondern arbeitet auch auf seinem elterlichen Betrieb mit 5.000 Legehennenplätzen und 20 ha Ackerbau mit. Seit über zehn Jahren betreibt er übrigens auch einen Ein-Mann-Lohnbetrieb.
 
Oft haben Landwirte mit ihrem Betrieb genug um die Ohren, da ist es hilfreich, wenn man weiß, wer einen bei IT-Fragen unterstützen kann. „Ich hatte ehrlich gesagt, wenig Muße, mich mit dem ganzen Computerkram zu beschäftigen. Da war es toll, dass ich Bernhard Schulte-Eickhoff zur Hand hatte, der mir dabei Starthilfe gab“, meint Achim Schlehecker, der jetzt vollkommen begeistert von den neuen Möglichkeiten durch das Smartphone ist.
 
„Gerade weil eine Biogasanlage rund um die Uhr läuft, ist es unglaublich praktisch, sie auch von unterwegs aus bedienen zu können. Wenn ich etwa auf einer Feier bin und mich erreicht eine Fehlermeldung, kann ich neben meinen drei Mitarbeitern noch fünf andere Bekannte anrufen, denen ich einfach per Telefon konkret erklären könnte, welchen Schalter sie umlegen müssen, wo sie Wasser nachfüllen oder welchen Knopf sie drücken müssen. Und wenn das nicht klappt, schicken wir uns Fotos per Smartphone hin und her, bis die Kommunikation gelingt“, erzählt er.
 
Die tägliche Kontrolle vor Ort ersetzt ein Smartphone natürlich nicht. Rund drei Mal am Tag schaut Achim Schlehecker, sein Kooperationspartner Dr. Christoph Lüpschen oder einer seiner drei Mitarbeiter, ob alle Prozesse reibungslos ablaufen. „Man spart nicht nur Zeit, sondern auch unglaublich viele Nerven“, gibt er unumwunden zu.
 
Auch für die Koordinierung der Einsätze in seinem Lohnunternehmen kann Achim Schlehecker das Smartphone einsetzen. „Mit einem Chat-Programm kann ich eine Nachricht an alle Mitarbeiter senden. Das spart unglaublich viele Telefonate“, ist er erleichtert. Ändert sich beispielsweise eine Auftragszeit oder der Einsatzort, kann er alle mit einem Klick darüber informieren. Oder wenn die Mitarbeiter den Standort nicht finden, schickt er ihnen einfach die GPS-Daten. „Um sich in einer Gruppe abzusprechen, gibt es verschiedene Möglichkeiten“, erklärt Bernhard Schulte-Eickhoff. Dazu könne man sich einen geläufigen Messenger mit Gruppenchatfunktion wie WhatsApp, GroupMe, joyn, iMessage oder Skype einrichten. Der Vorteil zur E-Mail: Man sieht alle Antworten auf einmal und muss nicht zehn verschiedene Dateien öffnen und beantworten. „Natürlich muss man wissen, dass man keine vertraulichen Daten versendet und falls doch, sollte man sie so gestalten, dass ein Dritter keine Information daraus ziehen kann. Wer weiß schon, was damit am Ende passiert“, gibt Schulte-Eickhoff zu bedenken.
 
Für Sicherheit sorgen
Wo bleibt die Sicherheit bei der grenzenlosen Technik, mag sich mancher Landwirt fragen. Damit jeder Betrieb seine Daten möglichst sicher aufbewahrt, empfiehlt Bernhard Schulte-Eickhoff die Betriebsdaten auf einem eigenen Server zu speichern. Das heißt, die Daten werden im Internet auf einem speziell gemieteten Server gespeichert, der sehr viel Sicherheit bietet. Wie man einen Serverplatz mietet, auch darüber informiert Schulte-Eickhoff. „Bei kostenlosen Onlinediensten, weiß man nie so recht wo man dran ist, oder in welchem Land der Server steht, der den Dienst anbietet. Da jedes Land seine eigenen Gesetze für Server und Datensicherheit hat, kann das böse ausgehen. Dann hat am Ende nicht nur der Betriebsleiter eine tolle Auswertung seiner Leistungsdaten, sondern der Anbieter auch“, betont Schulte-Eickhoff, der Landwirte über viele weitere Schutzmaßnahmen informieren kann.
 
Keine Zettelwirtschaft mehr
In Punkto Sicherheit gelte immer: „Bequemlichkeit und Sicherheit stehen sich gegenüber. Natürlich ist es bequemer, sein Passwort zu speichern, anstatt es immer wieder neu einzugeben, aber wenn jemand Fremdes das Smartphone in die Hände bekommt, ist es für ihn auch bequemer. Namen als Passwörter zu verwenden ist auch bequem, aber es ist selbstverständlich auch leichter für andere, es zu knacken.“
 
Das grundlegende Prinzip für jeden Betrieb – ob Biogas- oder Fotovoltaikanlagenbetreiber, ob Schweine- oder Milchviehhalter, oder ob Ackerbauer oder Direktvermarkter – ist eine eigene Datenbank, die speziell für einen Betrieb entwickelt wird und die man dann über das Smartphone einsehen kann. Je nach Daten und Komponenten wird diese Datenbank entwickelt, wobei Schulte-Eickhoff Betriebe berät, welche die richtige für sie ist. Die Beratung sei neben einem Betriebsbesuch oft auch per E-Mail oder Telefon dank technischer Möglichkeiten wie die PC-Fernwartung möglich. „Wenn man einmal ein ordentliches, betriebsspezifisches Datenbankmodell ausgearbeitet hat, verfügt der Betriebsleiter über ein enorm mächtiges Werkzeug zur Auswertung seiner Daten“, ist er überzeugt. Jeder Mitarbeiter könne ganz praktisch jeden Tag dazu beitragen, dass diese Datenbank auch von unterwegs aus über das Smartphone „gefüttert“ werden könne. „Das lästige Eintippen von vielen Fakten auf Zetteln in den PC fällt einfach weg“, weiß er. Als Chef könne man quasi in Echtzeit die Daten einsehen.
 
„Wenn ich im Stall eine Kuh mit einem entzündeten Euter sehe, kann ich die Daten schon von dort aus via Smartphone in den PC eingeben und dem Melkroboter sagen, dass er die Kuh in die Kanne melken soll“, erklärt Michael Weiler aus Lohmar, der zusammen mit seinen Eltern einen Milchviehbetrieb mit 140 Kühen bewirtschaftet. Bis 12.00 Uhr muss er den Besamungsdienst angerufen haben, damit die Kühe noch am selben Tag belegt werden. Welche Kuh besamt werden muss, kann der 28-Jährige dann schon beim Frühstückstisch auf seinem Smartphone sehen und einplanen. Welche Kuh schon viel zu lange nicht mehr in einem der beiden Melkroboter gemolken wurde, erkennt er auch auf einen Blick. Alle Daten, die mit seinem Herdenmanagementprogramm erfasst werden, hat er dank Smartphone immer in der Tasche.
 
Praktisch sei auch, dass man über das Smartphone auf die Kamera schauen könne, die den Abkalbestall filmt. „Ich könnte mit dem Smartphone den Aufnahmewinkel der Kamera einstellen“, so der Junglandwirt, der demnächst eine solche Vorrichtung installieren will.
„Früher ist man immer mit vielen Zetteln herumgelaufen. Das brauchen wir jetzt nicht mehr“, freut Michael Weiler sich. Und auch wenn er im Urlaub ist, kann er sich einfach besser entspannen, weil er, selbst wenn er am anderen Ende der Welt wäre, den Überblick über seinen Betrieb behält. „Ich kann dann mal eben reingucken. Das ist praktisch. Früher habe ich im Urlaub häufiger mit meinen Eltern telefoniert, um zu wissen, ob alles läuft. Jetzt habe ich vom Smartphone aus den Überblick und die Kontrolle, was mir mehr Erholung im Urlaub verschafft“, hebt er hervor.
 
Die Leistungen der Fotovoltaikanlage kann er auch mit seinem Smartphone abrufen. „Sollten die Wechselrichter einmal ausfallen, sehe ich das sofort und kann handeln“, stellt Weiler klar, der auch seine Saatgutbestellungen von unterwegs aus erledigt. „Das Smartphone ist einfach praktisch und nicht mehr wegzudenken“, meint der Junglandwirt. 
Andrea Bahrenberg