Arbeit mit Leidenschaft – die deutschen Bauern

Ausgleich für das „drum herum“

„Wir arbeiten, wenn die meisten Leute ihre Freizeit genießen“, sagt Yvonne Hogen, aber lächelt doch über das ganze Gesicht. Ihr 100 Hektar großer Ackerbaubetrieb liegt in Aachen-Horbach, nur 8 Kilometer von der Stadt Aachen entfernt. „Gerade jetzt, wo die Zuckerrüben geerntet, die Kartoffeln ausgemacht und der Weizen eingesät wird, warten wir immer auf gutes Wetter, um die Feldarbeiten zu erledigen“, schildert sie die Situation. Zurzeit müsse sie bei den vielen Radfahrern, Hundebesitzern, Rollschuhfahrern und Reitern um Verständnis werben, dass sie die Wirtschaftswege wegen der Arbeit oft benutze. In den meisten Fällen gibt es dieses Verständnis nach einem kurzen Gespräch. Viele Stadtbewohner wissen auch die Vorteile der unmittelbaren Naherholungsmöglichkeiten zu schätzen, die erst durch die landwirtschaftliche Pflege der Kulturlandschaft möglich werden.

Yvonne Hogen, die auf den 100 Hektrar Zuckerrüben, Weizen, Raps und Kartoffeln anbaut, will in den nächsten Monaten weitere offene Gespräche mit Verbrauchern führen. Denn jetzt wird im EU-Parlament aber auch in der Öffentlichkeit verstärkt über die Reform der EU-Agrarpolitik diskutiert. Ihre Befürchtung: „Wenn die Hälfte der EU-Ausgleichszahlungen wegfallen, werden es viele Betriebe nicht überleben, denn ihr Einkommen setzt sich oft zu 50 % aus den EU-Ausgleichszahlungen zusammen.“ Dadurch, dass die Standards in den Bereichen Umwelt-, Natur-, Tier- und Arbeitsschutz in Europa höher als in Drittstaaten seien, entstünden den Landwirte hierzulande Mehrkosten bei der Erzeugung von Lebensmitteln. „Wir Landwirte sorgen nicht nur dafür, dass die Kühlschränke gefüllt werden können mit qualitativ hochwertigen und kontrollierten Lebensmitteln, bei uns stimmt auch das drum herum! In Deutschland kann man das Trinkwasser bedenkenlos trinken, wir schützen den Boden und achten darauf, dass er in einem guten Zustand erhalten bleibt, für jede Fläche, die dem Naturschutz oder etwa bedrohten Tierarten durch den Straßenbau genommen wird, stellen wir ein Stück Land, das unter Naturschutz gestellt oder unter Auflagen bewirtschaftet wird, von unserer Produktionsgrundlage bereit – und das Einhalten aller Regelungen wird von staatlichen Behörden kontrolliert“, erklärt sie. Dies sei in vielen Drittländern nicht der Fall und daher könnten diese günstiger wirtschaften, weiß die Ackerbäuerin, die gerne und viel reist und Landwirtschaft schon in anderen Ländern wie Chile und Sambia unter die Lupe genommen hat. „Bauern bekommen keine Subventionen“, hält sie fest. „Denn um Subventionen zu bekommen, muss man nichts leisten. Wir erfüllen ein ganzes Regelwerk von Auflagen und die Leistungen kommen der Gesellschaft zu Gute“, begründet sie.

Drei Viertel der Verbraucher wünschten sich sozial und ökologisch unbedenkliche Produkte – eingekauft werde aber überwiegend im preiswerten Segment, gibt Hogen die Ergebnisse einer Untersuchung des Instituts für Handelsforschung (IFH) an der Universität Köln wieder. Zwischen den Moralvorstellungen der Verbraucher und dem tatsächliche Kaufverhalten lägen offenbar Welten. „Zurzeit kann der Verbraucher günstig Lebensmittel einkaufen. Das geht aber nur so lange, wie Europa auch ein Erzeugungsland bleibt. Wenn der Billigkurs die Landwirtschaft zerstört und Lebensmittel knapp werden, bestimmen natürlich Angebot und Nachfrage den Lebensmittelpreis – und dann sind Nahrungsmittel hierzulande nicht mehr so günstig zu haben“, stellt die 40-Jährige, die Agrarwissenschaften an der FH Soest studiert hat, klar. Das sähe man ja schon beim Weizen. Sobald eine Knappheit ins Gerede käme, stiegen die Preise weltweit. „Daher sind die Verbraucher gut beraten, wenn sie weiterhin bereit sind, 29 Cent am Tag für die EU-Agrarpolitik aufzuwenden“, sagt die junge Frau, deren Betrieb seit Generationen im Familienbesitz der Hogens ist.

Den Blick auf den eigenen Betrieb weiten
Aber nicht nur in Gesprächen mit Verbrauchern setzt sich Yvonne Hogen für die Landwirtschaft ein, auch in der Politik als Mitglied des CDU-Agrarausschusses der Stadt Aachen. Hier bekommt sie alle landwirtschaftlichen Themen, die für die Stadt eine Rolle spielen, mit und erläutert die Interessen des Berufsstandes. „Oft fehlt die landwirtschaftliche Sachkenntnis, wenn Projekte geplant werden und die bringe ich gerne ein“, so Hogen. Auch im Rheinischen Rübenbauern-Verband engagiert sie sich im Beirat und beim Rheinischen Landwirtschafts-Verband als stellvertretende Vorsitzende der Kreisbauernschaft Aachen. Sie ist die einzige Frau in diesen Positionen. „Es wird sich mit der Zeit entwickeln, dass mehr Frauen diese Ämter inne haben. Vor 30 Jahren hätte ich unseren Hof ja auch noch nicht als Betriebsleiterin führen können – das wäre früher undenkbar gewesen“, ist sie sicher.

Betriebsleiterin war Yvonne Hogen auch nicht von Anfang an, zuerst hat sie etwas ganz anderes gemacht: Nach dem Studium arbeitete sie erst einmal in der Marktforschung zum Thema Zuckerrübenanbau. Hier sah sie die Landwirtschaft nicht nur aus einem anderen Blickwinkel, sondern erfuhr auch einiges über sich und ihren Traumberuf: „Ich wollte sehen, was mir liegt und ob ein reiner Bürojob etwas für mich ist. Es hat sehr viel Spaß gemacht, aber nach drei Jahren wollte ich doch lieber wieder direkt in der Landwirtschaft arbeiten.“ Die leidenschaftliche Skifahrerin hält es aber für wichtig, dass jeder auch einmal etwas anderes sieht, um neue Erfahrungen zu machen und seinen Blick auf den eigenen Betrieb zu weiten.

Erfüllt durch die Arbeit in der Natur
Als für den heute 73-jährigen Vater Hans und seine 64-jährige Frau Marlies die Rente in greifbare Nähe rückte, stand für die Familie eine Entscheidung an: Sollten sie den Betrieb auslaufen lassen oder investieren, so dass einer der beiden Kinder weiter wirtschaften konnte? Yvonne wollte weitermachen. Die Arbeit auf dem Hof hatte ihr schon immer mehr Erfüllung gegeben als die Vorträge, die sie in ihrem Bürojob über verschiedene Forschungsarbeiten über Zuckerrüben gehalten hatte. „Selbstständig, draußen und für sich und seinen eigenen Betrieb arbeiten – das liebe ich am meisten an meinem Beruf“, so Yvonne. Und die körperliche Kraft, die ihr als Frau für manche Tätigkeiten auf dem Hof fehlt, macht sie durch Ideenreichtum wieder wett. „Es fällt mir zum Beispiel schwer, einen 50 Kilogramm-Sack mit Saatgut in die Sämaschine zu kippen. Also befestige ich den Sack am Frontlader des Schleppers und hebe ihn mit dem Schlepper hoch“, berichtet sie von den kleinen Schwierigkeiten, die sie offensichtlich ohne Probleme meistert. „Man kann immer etwas anders machen und dafür muss man seinen Geist offen halten“, betont sie. Und den Blick über die Grenze wagt die Landwirtin dazu öfter. Denn ihr Hof liegt unmittelbar an der niederländischen Grenze. „Es ist interessant zu sehen, wie die Holländer wirtschaften. Sie hängen nicht so an bestimmten Dingen und Abläufen und wechseln etwa öfter eine Frucht, wenn sie keinen Gewinn abwirft“, hat sie beobachtet. Ihr Getreide verkauft sie an eine holländische Mühle und auch die Kartoffeln gehen in das angrenzende Nachbarland. Ohne die Zwischenstufe des Landhandels bleibt mehr für sie. Und das hat sie ganz ohne Muskelkraft herausgefunden – mit Köpfchen und Aufgeschlossenheit.

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