“Unsere Kinder wachsen in einer natürlichen Umgebung auf”
Er schnupperte in die Welt der Wissenschaft, er arbeitete für das nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerium und er trägt einen Doktortitel – aber all diese beruflichen Erfahrungen haben ihn von seinem Berufstraum Landwirt nie weggeführt. Dr. Heinrich Weidenfeld aus Mechernich wollte schon immer Bauer werden.
Der 47-Jährige bewirtschaftet einen 70-ha großen Ackerbaubetrieb. Wie für seine Region üblich baut er Getreide, Rüben und Raps an. Außerdem hält er 600 Mastschweine auf Stroh. „Der Raum Euskirchen ist eine gute Region, um Schweine zu halten. Denn hier liegen wir nicht in einer Veredlungshochburg. So kann ich die Gülle gut vermarkten, falls ich sie nicht auf meinem Betrieb einsetze“, weiß er. Zurzeit baut er einen neuen Schweinestall für 900 Tiere.
Frei in der Entscheidung
Nach dem Abitur absolvierte er eine landwirtschaftliche Lehre und studierte schließlich in Bonn Agrarwissenschaften. „Für mich war es immer wichtig, auf eigenen Füßen zu stehen, einmal aus der Region herauszukommen und andere Betriebe zu sehen“, erzählt Weidenfeld. Nach seinem Studium waren auf dem elterlichen Betrieb mit seinem Vater und einem Mitarbeiter genug Arbeitskräfte, so dass die Gelegenheit günstig war, seine Doktorarbeit für das nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsministerium zu
schreiben. 1995 übernahm er schließlich den Hof und war nach dem Sammeln von Berufserfahrungen wieder da, wo er immer hinwollte. Er liebt den Beruf des Landwirts: „Als Bauer ist man Unternehmer, kann alles selbstständig organisieren und sich frei in der Entscheidung fühlen; auch wenn man natürlich wie jedes andere Unternehmen von äußeren Faktoren wie dem Markt abhängig ist.“ Gerade für Familien sei das Leben auf einem Hof ideal, meint er: „Unsere vier Kinder wachsen in einer natürlichen Umgebung, mit viel Platz und Freiheit auf. Meine Frau und ich – und die Großeltern – haben Zeit für sie. Wir können alle Mahlzeiten gemeinsam einnehmen. Das hat man heute selten.“ Auch ließe sich sehr gut organisieren, dass seine Frau Svenja ihren Beruf ausüben kann. Sie ist halbtags als Rechtsanwältin tätig.
Weidenfeld sieht die Zukunft für die Landwirtschaft positiv: „Neben den herkömmlichen landwirtschaftlichen Betriebszweigen haben wir heute als Landwirte verschiedene Möglichkeiten, uns vielseitig aufzustellen. Unsere großen Stalldächer eignen sich ideal für Fotovoltaikanlagen. Wir haben die Möglichkeit, Biogasanlagen zu errichten. Und gerade das Rheinland als Ballungsgebiet ist eine echte Gunstregion für Obst- und Gemüsebauer. Denn sie können ihre Produkte in einem Hofladen direkt vermarkten.“
Auch er hat noch eine alternative Einkommensquelle neben der Landwirtschaft gefunden: Aus der Not, dass sein Hof unter Denkmalschutz steht, hat er eine Tugend gemacht. Den ehemaligen Kuhstall, heute ein wunderschöner Saal mit einem typisch rheinischen Deckengewölbe, vermietet er für Feste am Wochenende. „Mit der Erhaltung des Gebäudes sind sehr hohe Kosten verbunden, da uns die Materialien, die wir für jede Restaurierung verwenden, vorgeschrieben werden, wie bestimmte Pflastersteine“, so Weidenfeld. Da er seine Hofgebäude nicht verändern darf, baut er den neuen Schweinestall nun auch 1 km entfernt von seiner Betriebsstelle. „Hier stört der Geruch kaum“, sagt der Landwirt, der direkt am Rand von Kommern wohnt.
Weidenfeld ist der Ansicht, dass Bauern in Zukunft in der Bevölkerung für noch mehr Verständnis für die Landwirtschaft werben müssen: „Wenn wir weiterhin Gelder aus Brüssel erhalten wollen, muss das Image der Landwirtschaft positiv bleiben. Die Bürger müssen wissen, dass wir für die Erzeugung hochwertiger Nahrungsmittel unter hohen Umweltschutz-, Tierschutz- und Sozialstandards, für den Erhalt der Kulturlandschaft, für die Gewinnung von Erneuerbaren Energien und für die Attraktivität des ländlichen Raumes sorgen.“
Artenschutz und Landschaftspflege
Um dem Verbraucher diese gesellschaftlichen Leistungen auch über das Auge zu vermitteln, beteiligt sich Weidenfeld gleich an mehreren Agrarumwelt- und Vertragsnaturschutzmaßnahmen etwa zur vielseitigen Fruchtfolge und zum Erosionsschutz. Auch pflegte er fünf Jahre lang 5 ha Blühstreifen. „Naturschutzmaßnahmen wie Blühstreifen kommen bei den Spaziergängern sehr gut an“, berichtet er aus Erfahrung. „In vielen Köpfen ist noch verankert, dass Landwirte Umwelt schädigend arbeiten. Wir Bauern arbeiten aber mit der Natur und haben ein ureigenstes Interesses daran, sie in all ihrer Vielfalt zu erhalten. Diese Einstellung kann ich der Bevölkerung mit solchen Maßnahmen gut vermitteln“, so der Rheinländer.
Zurzeit beteiligt er sich auch an einem Schutzprogramm für die Grauammer. Für den Vogel, der eine Charakterart der offenen Ackerlandschaften ist und auf der Roten Liste gefährdeter Arten in Nordrhein-Westfalen steht, hat er zwei 21 m breite Streifen – eine Spritzenbreite – auf jeder Seite eines Weizenfeldes mit Wildkräutern wie Luzerne, Fenchel und Inkarnat-Klee eingesät. Insgesamt 5,5 ha stellt er dafür zur Verfügung. „Für den Ertragsausfall erhalte ich einen angemessenen Ausgleich“, sagt Weidenfeld. In dem Schonstreifen für die Grauammern darf er weder düngen, noch Pflanzenschutzmittel einsetzen. Erst im August darf er den ersten Schnitt durchführen oder mulchen. Der Vertrag zum Schutzprogramm für die Grauammer läuft über fünf Jahre. Bei der Umsetzung wird er vom Kreis Euskirchen und der Biostation Euskirchen betreut.
„Ich möchte, dass Natur- und Artenschutzmaßnahmen in Kooperation mit der Landwirtschaft durchgeführt werden, anstatt dass sie uns Bauern aufgezwungen werden. Deswegen beteilige ich mich freiwillig an solchen Maßnahmen“, erklärt er seine Motivation, bei dem Schutzprogramm für die Grauammer mitzumachen.
